Inflation, Wachstum und Makroregimes: warum das klassische Raster nicht genügt
Die verbreitetste Lesart teilt die Wirtschaft nach zwei Kräften in vier Regimes: Inflation und Wachstum. Das ist intuitiv, und es ist nicht absurd. Aber sobald man es an den Daten prüft, sortiert dieses Raster nicht, was es zu sortieren vorgibt. Hier das klassische Raster, die genaue Stelle, an der es bricht, und die Lesart, die wir stattdessen beibehalten. Beschreibend — kein Rat.
Das klassische Raster (das, was alle lernen)
Die Ausgangsidee ist verführerisch: Bevor man eine Anlage betrachtet, verortet man die Wirtschaft auf zwei Achsen.
Der Verlust an Kaufkraft des Geldes über die Zeit. Bei 2 % Inflation „sind" 100 € von heute in einem Jahr rund 98 € an Kaufkraft wert.
Die Fähigkeit einer Wirtschaft, mehr Wert zu schaffen — vor allem am BIP gemessen.
Kreuzt man beide, erhält man vier Kästchen, populär gemacht durch die sogenannten „Allwetter"-Ansätze (all-weather):
| Inflation | Wachstum | Regime |
|---|---|---|
| niedrig | stark | Deflationärer Boom |
| stark | stark | Inflationärer Boom |
| stark | schwach | Stagflation |
| niedrig | schwach | Deflationäre Rezession |
Jedes Kästchen soll bestimmte Anlagen begünstigen: die Aktien im Boom, das Gold in der Inflation, die Anleihen in der Rezession. Sauber, einprägsam. Zu sehr vielleicht.
Wo das Raster bricht
Ein Raster hat nur Wert, wenn es unter Test hält. Also haben wir die Übung gemacht: Sortieren diese vier Kästchen, abgeleitet aus Inflation und Wachstum, das Verhalten der Anlagen wirklich?
Die Antwort ist unbequem. Vorab auferlegt, verliert das Raster Wachstum × Inflation den Großteil seiner Sortierkraft, sobald man es mit der langen Geschichte konfrontiert. Insbesondere:

Der naive Test zählte jeden Monat einer dreijährigen Episode als unabhängigen Beweis; es gab rund sechsunddreißigmal weniger davon, als es schien. Sobald die Autokorrelation korrigiert ist, schmilzt die Anleihen-Signifikanz um zwei Drittel — von 92 % auf 27 % der Länder —, und der Median ist nicht mehr signifikant. Das Raster hielt zum Teil durch eine Zählillusion.
Konkret: Zu wissen, ob man im „Boom" oder in der „Rezession" war, hilft kaum zu sagen, ob die Aktien steigen würden — ihr Trend hingegen schon. Anders gesagt: Das Kästchen „Boom = Aktien, Rezession = Anleihen" setzt voraus, was es beweisen sollte. Die Aktien folgen ihrem Trend weit mehr als einem Makroquadranten. Und was die defensiven Anlagen (jene, die schützen sollen: Gold, Anleihen, Cash) wirklich trennt, ist nicht das Paar Wachstum/Inflation — es ist vor allem eine tiefere Größe: der Realzins (gelesen relativ zu seinem langen Trend, nicht zu seinem rohen Niveau).
Ein Raster, das man auf die Wirklichkeit legt, beruhigt. Aber beruhigen ist nicht sortieren.
Was wir stattdessen lesen
Statt vier Kästchen aufzuzwingen, lassen wir die Wirklichkeit sprechen:
- Die Aktien lesen sich über den Trend: Liegt ihr Preis über oder unter seinem Durchschnitt der letzten Monate? Darüber = getragen, darunter = gebrochen. Keine Makro nötig.
- Das defensive Segment liest sich über den Realzins: Ist er niedrig, ist das Gold im Vorteil; ist er hoch, dominiert das Cash die Defensive.
- Die Regimes werden nicht dekretiert, sie werden beibehalten, weil sie unter Test halten.
Der Zinssatz, sobald die Inflation herausgerechnet ist — was das Geld wirklich abwirft. Ist er negativ, verliert man mit Cash an Kaufkraft; er ist der Angelpunkt zwischen dem Gold und dem Rest.
Diese Lesart ist in der Cap-Nord-Methode ausführlich dargestellt. Das Wesentliche: Man prognostiziert kein Regime aus verspätet veröffentlichten Makrozahlen — man liest das aktuelle Regime in den Kursen (Gold, Aktien, Anleihen).
Warum das klassische Raster trotzdem überlebt
Wenn es schlecht sortiert, warum ist es überall? Weil es kognitiv bequem ist: eine einfache Ursache, vier Kästchen, eine im Nachhinein kohärente Geschichte. Genau die Art Erzählung, die der Verstand bevorzugt — und die Art, die Cap Nord zu vermeiden sucht. Das Raster ist als Vokabular nicht nutzlos („Stagflation" beschreibt eine Realität gut); es ist trügerisch als Maschine zum Sortieren von Anlagen.
Grenzen dieser Lesart
- CPI und BIP werden verspätet veröffentlicht und revidiert: Sie erklären die Vergangenheit, sie prognostizieren nicht.
- Keine Lesart beseitigt die Unsicherheit; die Übergänge sind schrittweise und mehrdeutig.
- Die historischen Verhaltensweisen je Regime garantieren nichts für die Zukunft.
Zum Mitnehmen
- Das klassische Raster teilt die Wirtschaft nach Inflation und Wachstum in 4 Regimes
- Unter Test sortiert es weder die Aktien (die sich über den Trend lesen) noch wirklich die Defensive (die der Realzins trennt)
- „Stagflation" bleibt ein nützliches Wort; der Quadrant bleibt ein schlechtes Sortierwerkzeug
- Wir lassen die Wirklichkeit lieber ihre Regimes zeichnen, als ein fertiges Raster aufzulegen
- Beschreibende und historische Lesart, nie eine Prognose oder ein Rat
Weiterführend
- Die Cap-Nord-Methode — wie wir die Märkte lesen, ohne sie vorherzusagen.
- Volatilität ist nicht Risiko — warum Durchhalten über Vorhersagen siegt.
Die Regime-Karte entdecken
Der Graph: Diskriminierungstest des Quadranten (reales BIP × CPI) auf die Renditen je Land, langes Universum; „Rotationstest" = um die Autokorrelation der Episoden korrigierte Signifikanz (man mischt die Regime-Etiketten neu durch, um zu prüfen, dass die echte Einteilung besser trennt als falsche). Detail in der vollständigen Studie. Durch Induktion abgeleitete Lesart aus öffentlichen makroökonomischen und finanziellen Daten (Indikatoren der Weltbank, BIS, statistischer Institute), transformiert durch die interne Pipeline. Historische und beschreibende Ergebnisse; die Vergangenheit lässt keine Rückschlüsse auf die Zukunft zu.